Zwergenabenteuer mit offenem Ende

Eine nicht abgeschlossene Fantasy-Story, die ich in meinen Unterlagen wiedergefunden habe.

Vorstellung:

Das ist Wimm. Wimm ist der Held unserer kleinen Geschichte.
Der kleine Held unserer kleinen Geschichte genauer gesagt, denn Wimm ist ein Zwerg.
Ein ganz normaler Zwerg eigentlich, aber zufällig eben gerade der Held unserer Geschichte.
Tja, und der andere Kerl, der lange dünne daneben, ist Wimms bester Freund. Kein Mensch weiß warum, denn dieser Freund, Romero heißt er, ist nicht gerade jemand, mit dem man befreundet sein möchte. Und dennoch: Wimm und Romero sind seit einigen Jahren die besten Freunde, das sieht zumindest Wimm so, Romero hat bisher noch niemand gefragt.

Wozu sollte auch jemand den Freund des Helden fragen, wo doch der Held selbst meist bereitwillig zur Verfügung steht.

Wimm ist nämlich ein Gewohnheitsmensch, oder besser Gewohnheitszwerg. Er steht jeden Morgen um 10 Uhr auf (Zwerge schlafen gerne länger, sie glauben noch an den Mythos des Schönheitsschlafes. Wer sich Wimm ansieht, ist aber hoffentlich so tolerant, das nicht zu kommentieren.) und geht um 21.00 Uhr wieder ins Bett. Die Zeit dazwischen findet ihn jeder, der wichtige Fragen oder Kommentare loszuwerden wünscht, bei der liebevollen Pflege seines kleinen Gärtchens. Denn das, so Zwerg Wimm, ist die wahre Bestimmung eines jeden Zwerges, der keine Lust hat, sich mit Laterne und Spitzhacke in dunklen Bergwerkstunneln durchs Leben zu schlagen.
Ganz anders dagegen benimmt sich sein Freund Romero. Schläft er auch meist ziemlich lang, kann man sich dabei doch sicher sein, dass auch der vorhergehende Abend nicht um 21 Uhr im gemütlichen Bett endete, sondern wesentlich später und sicherlich ganz woanders. Handelte es sich bei diesem Woanders immerhin um ein Bett, so war es mehr als wahrscheinlich, dass es nicht sein eigenes war und seine Benutzung auch nichts mit gemütlichem Schlummer zu tun hatte.
Nun sind diese beiden vermutlich ausreichend vorgestellt, Vorhang auf also für die wahre Handlung unserer kleinen Geschichte.

Einleitung:

Wir sehen hier Wimm und Romero am frühen Morgen (um 10.03) bei einem ihrer vielen, freundschaftlichen Gespräche. Wimm, noch nicht ganz bei sich vor Müdigkeit, reckt und streckt sich auf dem Balkon und kratzt sich durch seine blauweiße Nachtmütze am Kopf.
Romero: “Morgen Wimm.”
Wimm: “Hmmmmm? Oh, einen guten Morgen!”
An dieser Stelle beugt sich Wimm freundlich lächelnd über das Geländer, bereit zu einem ermunternden Gespräch. Romero postiert sich entspannt unten am Gartenzaun und wartet erstmal ab.
Da durch gegenseitiges Abwarten Gespräche normalerweise nicht sehr ermunternd werden, wie Wimm weiß, beginnt er im Plauderton ein unverfängliches Thema:
“Schönes Wetter heute morgen und wie schön die Lerche singt.”
“Sicher, dass das ‘ne Lerche ist?”, brummt Romero uninteressiert, “Naja, ich kenn mich mit den Viechern nicht so gut aus wie du.”

Die “Viecher” überhört Wimm hier einfach mal und wechselt dezent das Thema: “Hast du schlecht geschlafen? Du siehst etwas übernächtigt aus.”
“Geschlafen? Hab noch gar nicht geschlafen. Hör mal Wimm, ich hab da ein Problem. Kannst du mir helfen?”
“Ein Problem? Einen Augenblick, ich komme herunter.”
Und schwupps, steht der kleine Mann fix und fertig angezogen neben seinem großen Freund und blinzelt ihn hilfsbereit an.
“Worum geht’s?”
“Ah, da bist du ja. Ähm. Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.”
“Jederzeit, wir sind doch Freunde!”
“Äh, ja, also hör zu. Könntest du mir vielleicht ein wenig Wasser besorgen?”
Ungläubig starrt Wimm zu seinem Freund auf:
“Wasser? Mehr nicht?”
“Tja,”, murmelt Romero, “nicht irgendein Wasser, weißt du?”
Langsam ärgerlich geworden, verschränkt der Zwerg die Arme vor der Brust und sagt so streng wie möglich:
“Also, jetzt aber raus mit der Sprache: Was ist los?”
Und da erzählt ihm Romero die ganze Geschichte:
“Ja, also weißt du, ich bin da gestern Abend so’nem Mädchen begegnet ….”
“Aha!”, macht Wimm. Skeptisch die Augenbrauen runzelnd sieht ihn Romero an, fährt dann jedoch fort:
“Also, das ist echt das Allerbeste, was mir bis jetzt untergekommen ist. Eine klasse Frau! Zwar leider ein Allerweltsgesicht, doch diese Figur, Wimm, diese Figur! Und sanft und zärtlich strich sie mir die Wange. Und dann … dann …. ähm, ja also dann blieben wir für den Rest des Abends zusammen, bis kurz nach Mitternacht. Muss so um zwei oder drei Uhr rum gewesen sein, schätz ich.”
“Wie heißt sie denn?”
Romero ob dieser Frage sichtlich verwirrt stottert lediglich ein kurzes:
“Wie? Oh, äh, Rosalinde glaub ich. Aber Wimm, die hättest du sehen sollen! Aber dann, dann kam mein Problem. Weißt du, ihr Vater ist Gärtner …”
“Wie ich, bist du darum zu mir gekommen?”
“Jaja, aber jetzt wart’s doch mal ab. Also ihr Vater ist Gärtner und nun hat er einen Samen … äh … für eine Blume, die, äh … der, …. also, … Diese Blume kann man nur pflanzen, wenn man sie mit einer ganz bestimmten Gieskanne mit ganz bestimmtem Wasser aus einem ganz bestimmten Brunnen gießt. Du verstehst?”
“Nein.”
“Oh. Äh, also, diese besondere Blume würde Rosalindes Papa wegen ihrer Einzigartigkeit die Rente sichern, weißt du. Ich meine, Vorsorge ist ja da sehr wichtig und … Naja, nun darf Rosalinde nicht eher aus dem Haus als bis ihr Vater diese Blume pflanzen konnte. Es geht sogar noch weiter, wir dürfen uns nicht einmal mehr sehen, bevor er nicht diese verflixte .. äh … wunderschöne Blume gepflanzt hat, für die er dieses ganz besondere Wasser braucht. Verstehst du jetzt mein Problem? Wimm, könntest du dich für mich auf die Reise begeben und diese Gießkanne suchen und dann mit dem Brunnenwasser gefüllt hierherbringen?”
“Ich? Warum machst du das nicht selber?”
“Äh, ja weißt du, meine kleine Schwester hat doch übermorgen Geburtstag und da muss ich doch noch ein Geschenk kaufen und … äh… darum habe ich gerade gar keine Zeit.”
“Kein Problem.”, erwidert Wimm, “Ich kaufe das Geschenk und du suchst dieses komische Wasser.”
“Was? Du willst ….? Hee, hör mal Wimm, das geht jetzt aber zu weit. Das GEHT nicht!!
Sieh mal, vor nicht mal zehn Minuten wurdest du weiter oben als der Held dieser kleinen Geschichte, ich meine, als der kleine Held dieser kleinen Geschichte, vorgestellt.
DU, nicht ICH! Also musst DU auch den Auftrag erfüllen, schließlich, … stell dir das doch mal vor: Eine Geschichte, in der der Held einfach nur … ein Geburtstagsgeschenk kauft?”
“Hmmmmm.”, Wimm zwirbelt sich nachdenklich seinen langen Zwergenbart.
“Hmmmmm. Und du meinst wirklich, ICH soll für dich losgehen und dieses Wasser holen?”
“Wimm, du bist meine einzige Chance, ich MUSS dieses Mädchen haben, weißt du.”
“Nein, weiß ich nicht, aber weißt DU was: Ich gehe. Immerhin sind wir Freunde nicht wahr?”
“Danke Wimm, vielen Dank, du bist ‘n echter Freund.”
“Jaja, aber sag mal, wo geht’s denn jetzt los?”
“Äh, naja, du bist doch der Held, woher soll ich denn wissen, wo du hingehen sollst?
Naja, wie wär’s mit … versuch’s doch mal mit dem Süden. Süden ist immer gut. Schönes Wetter und so. Und halbnackte Frauen mit Bananenröckchen hab ich gehört. Äh, stimmt was nicht?”
“Bananenröckchen?”
“Naja, wenn du weit genug gehst, aber das wäre ziemlich weit im Süden. Ähm, vergiss es einfach, okay? Richtung Süden schätze ich jedenfalls.”
“Ist gut. Und wie erkenne ich diesen Brunnen und die Gießkanne?”
“Hm, naja, vermutlich steht Brunnen und Gieskanne dran, wenn du mit dem Cursor drüber … äh, nein, nicht gut, also. Ich glaube, der Brunnen sieht aus wie ein …. Brunnen und die Gießkannne …. ist grün. Oder vielleicht messingfarben. Okay?”
“Hmm. Ist gut. Dann geh ich also mal. Bis dann.”
Und schon stapft Wimm los. Richtung Süden. Oder zumindest ungefähr Süden. Jedenfalls los.

Story

Und was sehen wir? Kaum hat er sich von seinem besten Freund Romero abgewandt, befindet sich Wimm auch schon mitten im schönsten grünen Land von … äh … dieser Geschichte. Mit dem konkreten Vorsatz, einen Brunnen und eine Gießkanne zu finden und der nicht ganz so konkreten Vorstellung davon, wie das zu bewerkstelligen sei, stiefelt Wimm Richtung Süden – oder zumindest ungefähr Richtung Süden – und murmelt dabei leise vor sich hin:
“Schritt eins: Gießkanne finden. Besondere Kennzeichen: grün oder messingfarben.
Schritt zwei: Brunnen finden. Besondere Kennzeichen: sieht aus wie ein Brunnen.”
Nach wenigen Minuten kommt er an einen großen, dichten Wald. (Das ist der Vorteil von Helden, zwergischer oder sonstiger Art: kein Wegabschnitt kostet den Zuschauer mehr als ein paar Minuten Vorstellung.)
Wimm findet den Wald, indem er über eine Wurzel stolpert.
Er stellt nämlich bei dieser Gelegenheit fest, dass er sehr weich landet und so weich kann nur Waldboden sein.
“Autsch!”, sagt Wimm. Nicht etwa, weil er sich blaue Flecken geholt hatte, das war ja wie erwähnt der Vorteil von Waldboden, sondern weil er sich bei der Landung mit der rechten Hand in einer Brennnessel und mit der linken in ein paar Tannennadeln abgestützt hatte. Jedoch schmälert dies keineswegs Wimms Vorliebe für Waldböden und so macht er sich beschwingt auf in den Wald. Nach wenigen Schritten gesellt sich dieser Beschwingtheit allerdings ein hastiges Handschütteln hinzu, weil sich die Brennnessel-Gifte bemerkbar machen. Beschwingt hopsend und handschüttelnd begibt sich Wimm dennoch tiefer in den Wald hinein und verkneift sich tapfer einen großen Fluch.
Plötzlich steh vor ihm … ein Wesen. Hat ziemliche Ähnlichkeit mit einem Troll, allerdings einem weiblichen, das erkennt Wimm sofort an ….äh … naja und Flügel hat der Troll auch, das kommt nicht oft vor, soviel weiß Wimm.
“Guten Tag!”, sagt der weibliche Troll mit nasaler und betont würdevoller Stimme.
“Kann ich dem Herrn helfen?”
“Autsch autsch autsch!”, das kannn der arme Wimm sich nun nicht mehr verkneifen, weil die Brennnesseln ganz erbärmlich brennen.
“Autsch autsch, meine Hand. Dumme Brennnesseln!”
Pikiert zieht die Trollin eine Augenbraue hoch.
“DUMME Brennnesseln?”
“Oh, tut mir leid,”, sagt Wimm, “in der Gegenwart von Damen gehört sich so etwas vermutlich nicht, nicht wahr?”
“Naja,”, murmelt die Trollin versöhnlich,”es ist nur, normalerweise brüllen die Leute, die mit der ganzen Hand in Brennnesseln gefallen sind, etwas wie: Shitfuck beschissene Pisskack-Brennnesseln oder so.”
Wimm hört mit dem Hopsen und Handschütteln auf.
“So etwas sagen sie?”
“Naja, manchmal. Als Waldfee muss man sich zumindest so einiges anhören, das nicht für unsere zarten Ohren gemacht ist.”
Wimm betrachtet skeptisch dir spitz zulaufenden Schlappohren der Waldfee-Trollin.
“Ähöm, ja.”, murmelt er verlegen,
“Eine Waldfee bist du also?”
“Allerdings. Nicht zu verwechseln mit Trollen! Wer mich als Troll bezeichnet, hat hinterher lange Gelegenheit, das zu bereuen.”
“Ah, du kannst also zaubern und so?”
“Zaubern?? Verflixt nein! Ähm, ich meine… natürlich nicht. Aber wurdest du schon mal von einer Waldfee gegen den Fußknöchel getreten? Das gibt drei Monate lang anhaltende blaue Flecken!”
“Oh. Hm. Aber ich dachte, Waldfeen könnten Wünsche erfüllen.”
“Ach so, das meinst du.”, winkt die Waldfee ab, “Nein, ist ein altes Vorurteil. Früher ging das mal. Aber dann hat irgendeine blöde Kuh das Lehrbuch verlegt. Das einzige Lehrbuch!”
“Ihr hattet nur ein einziges Lehrbuch?”
“Naja, die Feen damals waren recht beschäftigt mit Wünsche erfüllen und so, da blieb zum Kopieren nicht viel Zeit. Jemand schlug mal vor, einen Gnom als Tippse einzustellen, zum Abtippen, du verstehst? Aber die anderen Feen sprachen sich dagegen aus. Von wegen kein Uneingeweihter darf das Buch berühren und so. Tja und jetzt ist es weg und wir Feen müssen Däumchen drehen.”
“Oh, das tut mir leid. Ähm, kannst du mir zufällig sagen, wo ich hier in der Nähe eine Gießkanne finde?”
“Eine Gießkanne?”, man könnte das fast als verschlagenen Blick bezeichnen, was sich jetzt in die Kulleraugen der Waldfee schleicht.
“Klar, Kumpel, kein Problem, hör zu: Da vorne nach dem achten Baum gehst Du rechts, bis du auf einen kleinen Pfad kommst. Den Pfad kreuzen und gegenüber hinter dem dicken Baumstamm schräg links. Da müsstest du eine finden.”
“Es sollte aber nicht nur irgendeine sein.”, erwidert Wimm. “Eine ganz bestimmte.”
“Oh ja natürlich, eine magische doch bestimmt, nicht wahr? Nun, diese dort ist seeehr magisch.” Ernsthaft nickt die hässliche kleine Waldfee mit den spitzen Schlappohren Wimm zu.
“Ah. Ja gut, danke. Dann mach’s gut. Tschüß.”, verabschiedet sich Wimm und schlägt die beschriebene Richtung ein. Hinter ihm lacht die kleine Waldfee hinter der vorgehaltenen Hand.
“Achter Baum, rechts, Weg kreuzen, dicker Baum, schräg links. Hier!”, kaum hat Wimm das so vor sich hingemurmelt und bleibt am Zielpunkt stehen, da gibt auf einmal der Boden nach und Wimm fällt mindestens zwei Meter tief in einen dunklen Schacht.
“Autsch!”, denkt Wimm schon mal, bevor er unten aufkommt und vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu hat.
Bonk! Gelandet!
Wimm sitzt inmitten einer neugierig blickenden Schar von kleinen, naja, ungefähr zwergengroßen Wesen mit schwarzer, schrumpeliger Haut und knubbeligen Teddybärenohren, die sich aufgeregt schnatternd unterhalten.
“Äh,”, macht Wimm. Die Wesen schweigen schlagartig.
“Äh, Freund oder Feind?”, fragt Wimm vorsichtig.
Anstatt einer Antwort richtet der dickste kleine Gnom eine sehr spitz aussehende Lanze genau auf Wimms Schwachstelle. Das ist bei Zwergen bekanntlich der Bart, der gewöhnlich so undurchdringlich verfilzt ist, dass niemand, nicht einmal der Zwerg selbst, weiß, was sich darin oder darunter verbirgt. Es könnte auf jeden Fall etwas Wichtiges sein und deshalb wird sich ein Zwerg nie wehren, wenn man ihn auf Höhe seines Bartes bedroht. Nun, das war eine Regel für allgemeine Zwerge. Wimm ist jedoch ein spezieller Zwerg und er weiß ganz genau, was sich unter seinem Bart verbirgt. Und aus diesem Grund hat er auch ein sehr großes und begründetes Interesse daran, jetzt bloß keine falsche Bewegung zu machen. Langsam hebt er die Hände.
Schnatternd gibt der dicke Gnom seinen Kollegen einen Befehl, woraufhin sie kurz verschwinden und gleich darauf mit ein paar festen Seilen wiederkommen und Wimm einwickeln wie Spinne ihre Opfer. Das ist an sich schon kein sehr beruhigender Umstand, noch wesentlich beunruhigender findet Wimm allerdings, dass die kleinen Wesen offensichtlich damit beginnen, unter einem großen Topf das Feuer zu schüren und begeistert darum herumhüpfen.
“Was mach ich nur, was mach ich nur!”
Ja, und das ist der Augenblick, in dem Wimm auf einmal einfällt:
Moment mal, seit wann hat Romero eigentlich eine kleine Schwester?!”

© Meikepicht


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